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Wenn der Euro Nebensache wird…

Endlich finde ich mal wieder Zeit und Muße, um von meinem Berlin-Trip im März zur Frühjahrstagung des “Regionalen Aufbruchs” zu berichten. Es gäbe dazu soviel zu sagen, das kann ich hier gar nicht alles abhandeln. An diesem Wochenende habe ich viele kreative Köpfe kennengelernt, spannende gesellschaftspolitische Diskussionen und Gespräche geführt und den Eindruck gewonnen, dass es viele wirklich gute, regionale Initiativen gibt, die das Ziel haben, innerhalb einer globalisierten Welt immer mehr “kleinere Einheiten” zu schaffen, die überschaubarer, leichter beherrschbar und dadurch auch robuster gegen “globale, zwangsläufige” Einflüsse sind. Dezentrale Energiekonzepte oder kommunale Wasser- und Abwasserwirtschaft sind dabei nur zwei exemplarische Schlagworte.

Am meisten beeindruckt hat mich allerdings ein langes persönliches Gespräch mit Rolf Schilling aus Vorarlberg von der Regio-Geld-Initiative “Tauschkreis” (www.talentiert.at). Auf den ersten Blick möchte man sagen: “Was soll das denn? Wieso denn eine Komplementärwährung zum Euro schaffen? Da hat das Kind doch nur einen anderen Namen – und wozu das nun?”

Wenn man sich aber näher damit beschäftigt und sich ansieht, wie das Talente-Netzwerk im ganzen Bundesland Vorarlberg Stück für Stück weiter geknüpft wird, dann versteht man den Sinn und die Eigendynamik des ganzen Projektes. Mir ging es auch so und ich bin ziemlich begeistert von dieser Idee. Etwas ähnliches (wenn auch in etwas kleinerer Form) gibt es übrigens auch in der bayerischen Region Chiemgau mit dem “Chiemgauer” als Zweitwährung.

Das Spannende an der ganzen Geschichte ist, dass in einem solchen regionalen Netzwerk der Euro als Zahlungsmittel an Bedeutung verliert und die Idee gegenseitiger, nachbarschaftlicher Hilfe und des Tausches von Waren und Dienstleistungen in den Vordergrund und damit ins Bewusstsein der Bevölkerung tritt. Davon profitieren alle: Privatpersonen genauso wie die regionale Wirtschaft. Denn: Die Kaufkraft bleibt in der Region. Mit Euro kann man überall bezahlen, “Talente” hingegen können nur in der ausgetauscht und eingelöst werden.

Ein zweiter, auch mir sehr wichtiger Aspekt ist: Es gibt in jeder Gesellschaft Menschen, die haben viel Geld und Menschen, die haben weniger Geld. Auch in Deutschland zerfällt die Gesellschaft immer mehr in arm und reich. Die Frage ist aber: sind Menschen, die weniger Geld haben, weniger wert? Gelten sie weniger? Sind sie gar Menschen zweiter Klasse? – Es sollte nicht so sein, aber in der Realität zeigt sich das leider immer mehr. Die Regio-Geld-Initiative in Vorarlberg wirkt über ihre Komplementärwährung “Talente” auch dieser Mehrklassengesellschaft entgegen. Der Name “Talente” ist hierbei sehr gut gewählt, weil deutlich wird, dass jeder Mensch die vielfältigsten Talente besitzt, die er oder sie in die Gesellschaft einbringen kann. Es gibt keine “minderwertigen” Menschen – alle haben Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse, die an anderen Stellen der Gesellschaft von Nutzen sein können. Und das ist das Tolle daran: man kann seine Dienste und Fähigkeiten in die Gesellschaft einbringen – also anderen anbieten – und dafür auch eine entsprechende Gegenleistung erhalten; also ein organisierter Austausch von Waren und Dienstleistungen, der ohne den Euro als Zahlungsmittel auskommt.

Wieviel Einkommen jemand zur Verfügung hat und ob das per Definition jetzt “arm”, “Durchschnitt” oder “reich” ist, spielt dabei eine immer geringere Rolle, entscheidend ist der Mensch und seine Talente. Eine Arbeitsstunde entspricht dabei i.d.R. 100 Talenten (Tt). Und es gibt einen Umrechnungsfaktor zum Euro, der in regelmäßigen Abständen nach unten angepasst wird. Derzeit liegt er bei 11,5 Tt pro Euro. 10 Euro entsprechen damit 115 Tt. Die “Kursanpassung” nach unten macht deutlich, dass der Euro (inflationsbedingt) regelmäßig an Wert verliert, während die Talente im Wert gleich bleiben. Wer allerdings Talente in Euro zurücktauschen will, muss einen Abschlag von 7% hinnehmen – gewissermaßen eine “Strafzahlung”, weil der- oder diejenige den Sinn und die Funktionsweise des Regiogeld-Netzwerkes talentiert.at nicht verstanden hat.

Ich finde, das Ganze ist eine klasse Sache, absolut durchdacht und eine sinnvolle Möglichkeit, Kaufkraft, regionale Wirtschaft und Lebensqualität in einer Region zu stärken und eine richtige Antwort auf viele Rufe nach Alternativen zu einer immer stärker globalisierten Welt!

  1. Sylvia Kohlmann
    28. April 2010, 09:48 | #1

    Ich teile Deine Begeisterung! Die Anerkennung der “Talente” jedes Menschen, unabhängig von Besitz und Geld, ist die Basis für Gemeinschaft, das friedvolle “Miteinander”.

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